Lumumba: Kritik an der Benennung eines Kakaogetränks nach einem kongolesischen Politiker

Lumumba: Kritik an der Benennung eines Kakaogetränks nach einem kongolesischen Politiker

Von Inken Carstensen-Egwuom (Europa-Universität Flensburg, Institut für Umwelt-, Sozial- und Humanwissenschaften, Abteilung Integrative Geographie)

Patrice Lumumba war ein kongolesischer Politiker, antikolonialer Vordenker und der erste demokratisch gewählte Premierminister der unabhängigen DR Kongo. Als Premierminister kritisierte er die europäischen Kolonialmächte und ihren Rassismus scharf. Er weigerte sich unter anderem die der DR Kongo von Belgien aufgezwungenen Schulden bei der Weltbank zu bezahlen und setzte sich dafür ein, dass über die großen Bodenschätze der DR Kongo die Bevölkerung selbst und nicht ausländische Unternehmen bestimmen können. Im September 1960 wurde er von kongolesischen Politikern mit Unterstützung der USA abgesetzt und kurz darauf im Januar 1961 von Soldaten in Katanga in Kooperation mit belgischen Offizieren und Beamten erschossen.

Lumumba in Brüssel, 1960. Quelle: Wikimedia, CC0 1.0

Heute wird Lumumbas Name in Deutschland oft auf Weihnachtsmärkten für ein Heißgetränk mit Kakao und Rum verwendet. Warum dies nicht akzeptabel ist, erklären die stellvertretende Vorsitzende vom Forum für Migrantinnen und Migranten Kiel, Marie-Louise Petersen sowie Lotta Bohde und Inken Carstensen-Egwuom vom Netzwerk Flensburg Postkolonial in einem NDR Beitrag vom 21.12.2025
. Auch in anderen Städten wird diese Kritik bereits seit langem geäußert und entsprechende Initiativen konnten Erfolge erzielen. In Kassel hat die Betreibergesellschaft des Weihnachtsmarkts, Kassel Marketing GmbH, die Standbetreiber bspw. aufgefordert, das Getränk anders zu benennen. Dieser Blogbeitrag legt noch weitere Hintergründe dazu dar, was solche Getränkenamen mit kolonialen Gewohnheiten und rassistischer Ignoranz zu tun haben.

Koloniale Sprechgewohnheiten und Rassismus

Nur koloniale Sprechgewohnheiten und Rassismus machen es möglich, ein Kakao-Getränk mit Schuss nach einem erschossenen Politiker, Familienvater und antikolonialen Vordenker, der in 2026 101 Jahre alt geworden wäre, zu benennen. Als Analogie: Es wäre doch pietätlos und geschichtsvergessen, einen weißen Glühwein nach Kennedy zu benennen? Kennedy – da gibt es Brücken, Häuser und Straßen, die nach ihm benannt sind. Auf diese Weise bekommen wichtige historische Persönlichkeiten Denkmäler oder andere würdevolle Erinnerungsorte. Im Gegensatz dazu wird Lumumba durch die Benennung eines Kakaogetränks „mit Schuss“ von einer wichtigen historischen Person zu einem Witz oder einer Anekdote am Weihnachtsmarktstand, aber nicht zu einer gewürdigten oder geehrten Person. Zur Vollständigkeit gehört auch: Auch in Deutschland – und noch mehr auf dem afrikanischen Kontinent – gibt es würdige Erinnerungsformen, so gibt es bspw. unter anderem Straßen, die nach Patrice Lumumba benannt sind, wie in Leipzig und Magdeburg. Dennoch ist der Getränkename in Deutschland deutlich bekannter als die Lumumba-Straße in Leipzig zu Ehren Patrice Lumumbas.

Die Assoziation von Kakao oder Schokolade mit Schwarzen Menschen hat eine lange rassistische Tradition: Schwarzsein und die braune Farbe des Kakaos werden nach einer rassistischen Farbenlehre miteinander assoziiert – denn Weißsein wird als Norm gedacht und jeder andere Farbton wird als „anders“ wahrgenommen und bezeichnet – und noch dazu wird der Name mit der Häufung der Buchstaben „M“ und „U“ als Kuriosität vermarktet. Dies basiert auf einer Exotisierung, wie sie in der postkolonialen Kritik beschrieben wird: Menschen, aber auch Orte und ganze Kontinente werden als „anders“ oder „fremd“ dargestellt und als Stereotyp vermarktet. So wird der Mensch Lumumba als exotisiertes, alkoholisches Getränk gereicht – und mit seinem Namen zu einer konsumierbaren Ware. Wenn die tatsächliche Geschichte und Bedeutung bekannt ist, ist es absurd zu lesen: „Lumumba – 6 Euro“!

Asymmetrisches Wissen

Koloniale Wissensordnungen führen jedoch dazu, dass Patrice Lumumba als historische Persönlichkeit in seiner ganzen Komplexität hier in Europa kaum bekannt ist. Dies ist in der postkolonialen Theorie asymmetrisches Wissen bekannt: Die Gewalt des Kolonialismus sowie die Unterdrückung von Befreiungsbewegungen sind im Globalen Süden wohlbekannt und werden in der Schule besprochen – dies wird in Deutschland aber kaum vermittelt, so dass die meisten Menschen nach der Schule kaum etwas über den Umfang erfahren, in dem der Kolonialismus unsere heutige Welt prägt. So wird auch kaum anerkannt, wie viele Kämpfe in vielen postkolonialen Staaten notwendig waren, um die politische Unabhängigkeit zu erlangen.

Teil dieser Wissensasymmetrie ist auch, dass das eigene Nicht-Wissen über koloniale Gewalt und antikoloniale Befreiungsbewegungen in Deutschland als Normalität dargestellt wird. Dadurch können Anstöße zu Veränderungsprozessen ignoriert oder abgewehrt werden. Gedanken- und Argumentationsmuster wie „Ich habe das Getränk so kennengelernt, das kann ja nicht so kritisch sein!“ sind eine durchaus verbreitete Reaktion auf die Kritik an der Benennung des Getränks. Auf der anderen Seite sind manche Standbetreiber auf den Weihnachtsmärkten – wie im NDR-Beitrag zu sehen – durchaus offen dafür, den Namen zu verändern und finden unterschiedliche kreative Wege dafür.

Abwehr von Kritik als rassistische Ignoranz

Die Abwehr von Kritik und Aufklärung ist eine zweite Ebene von rassistischer Ignoranz. In der rassismuskritischen Literatur wird eine abwehrende Reaktion auf das Ansprechen rassistischer Strukturen oder Handlungen auch als neue Quelle von Diskriminierung benannt. Eine Abwehr der Kritik – bspw. ein Beibehalten des Namens trotz Aufklärung über die Hintergründe – kommuniziert eine Hierarchie darin, wessen Bedürfnisse auf dem Weihnachtsmarkt ernst genommen werden. Kurz: Die Gewohnheit und Normalität der Bezeichnung ist wichtiger als die Würde und der Respekt vor Lumumba als Person. Die Einforderung des Respekts wird abgewehrt und das Wissen eher als Zumutung empfunden – „Worum sollen wir uns denn noch alles kümmern?“. Die Menschen, die durch diese Bezeichnung ständig an die Ermordung eines Politikers und an rassistische Strukturen erinnert werden, werden auf dem Weihnachtsmarkt nicht als Gäste mit einem Recht auf Entspannung wertgeschätzt.

Um Standbetreiber*innen und Weihnachtsmarkt-Besucher*innen weiter aufzuklären und trotz so viel Abwehr weiter für eine Veränderung zu kämpfen, hat das Forum für Migrantinnen und Migranten Kiel Postkarten und einen Flyer entworfen, die auf ihrer Website kostenlos runtergeladen werden können. Auch das nachfolgende Bild für Soziale Medien kann weiterverwendet werden.