Globale Ressourcenströme und ungleiche Arbeitsverhältnisse
Ergänzende Vermittlungsformate und -inhalte zu Ausstellungsobjekten im Flensburger Schifffahrtsmuseum
Was verbindet Flensburg historisch und aktuell mit der Karibik? Wieso wurden Ziegelsteine dorthin transportiert? Wer profitierte vom Rumhandel? Welche Nachwirkungen hat Zwangsarbeit und Gewalt auf den Zuckerrohrplantagen von St. Croix, St. John und St. Thomas? Wie kann Plantagenökonomie in einem Museum vermittelt werden? Kann in einem Museum reparative Gerechtigkeit thematisiert werden? Können Besucherinnen und Besucher aus Flensburg und Dänemark, Erwachsene und Kinder mit den gleichen Objekten angesprochen werden?
Mit diesen Fragen und vielen mehr haben sich Lehramtsstudierende im Fach Geographie der Europa-Universität Flensburg im Frühjahrssemester 2025 beschäftigt. Die Einladung zur Zusammenarbeit vom Flensburger Schifffahrtsmuseum und der Abteilung Integrative Geographie bot für die Studierenden eine ideale Gelegenheit, sich mit Objekten einer historischen Sammlung in einem öffentlichen Bildungsort auseinanderzusetzen, und bot für die Museumskuratorinnen und -kuratoren neue Anregungen für die Vermittlung von Wissen, Verständnis und Empathie durch die Ausstellungsobjekte. Das Ergebnis wollen wir mit Besucherinnen und Besuchern des Flensburger Schifffahrtsmuseums teilen.
Zu den Ausstellungsobjekten der Abteilung „Hafen & Höfe“
Zu Ausstellungsobjekten der Abteilung „Tauwerk & Takelage“
Zu Ausstellungsobjekten der Abteilung „Zucker - Rum - Versklavung“
Die vermittelten Inhalte entstanden als Beitrag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und orientieren sich am Anspruch globaler Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit. Ergänzend zu den aktuell vermittelten Inhalten der Dauerausstellungen wollen die Vermittlungsprojekte Aspekte von Gleichberechtigung, fairem Handel, nachhaltigem Wirtschaften, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz thematisieren.
Die Vermittlungsprojekte sind als Informationen auf dieser Website nutzbar sowie idealerweise vor Ort im Flensburger Schifffahrtsmuseum – für eine intensivere Beschäftigung mit den Objekten und dem Ausstellungskontext. Vielleicht fallen Ihnen als Besucherin oder Besucher noch weitere Verflechtungen und Aspekte Globaler Ressourcenströme auf.
Die hier dargestellten Ausstellungsobjekte zum Thema „Globale Ressourcenströme und Arbeitsverhältnisse“ wurden von den Studierenden selbst ausgewählt, die Inhalte und Formate der Objektvermittlung wurden eigenständig erarbeitet und umgesetzt. Die Beschreibungen für diese Website wurden von Prof. Dr. Sybille Bauriedl und Dr. Inken Carstensen-Egwuom aus der Abteilung Integrative Geographie auf Grundlage von Studierendentexten zusammengefasst.
Wir danken dem Flensburger Schifffahrtsmuseum für den vertrauensvollen Zugang zu den Ausstellungsobjekten und explizit Dr. Martin Müller und Dr. Susanne Grigull für den anregenden Austausch mit den Studierenden.
Weltkarte der Handelsrouten: Globale Ungleichheitsverhältnisse erkennen
von Niklas Jansen und Felix Stüwe
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Vorderhaus „Hafen & Höfe“.
Karten sind ein Ausdruck von Wissen und Macht. Sie machen bestimmte Perspektiven sichtbar und blenden andere aus und sind damit politisch wirksame Herrschaftsinstrumente. In welcher Weise gilt dies auch für die Karte der Handelsrouten in der Ausstellung? Welches dominante Narrativ vermittelt sie? Welche alternativen Perspektiven werden nicht erzählt?
Mit einem ergänzten Kompass werden kritische Fragen zu Kolonialismus, Ressourcenströmen, Macht und Gerechtigkeit angeregt. Wer in Handelsstrukturen und globalen Märkten profitiert und wer die Lasten trägt, ist oft ungleich verteilt. Beispielsweise werden zahlreiche Produkte und Rohstoffe, die im Globalen Norden konsumiert werden, im Globalen Süden unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen abgebaut, hergestellt oder entsorgt. Ähnlich ungerecht organisiert sind globale Lieferketten. Diese hierarchischen Verhältnisse werden im Rahmen internationaler Vereinbarungen durchgesetzt, die systematisch Stimmen von Beteiligten dieser Ressourcenströme ausschließen. Letztlich sind es diese Machtverhältnisse, die auf Karten abgebildet und damit verstärkt werden.
Das Vermittlungsprojekt „Weltkarte des Kolonialismus“ ergänzt in den vier Himmelsrichtungen des Südens, Westens, Ostens und Nordens Fragen, die zur Reflektion über diese Ungleichheitsverhältnisse einladen und dazu anregen wollen, andere Sichtweisen zuzulassen, in denen die vielfältig Betroffenen gehört und gesehen werden.
Kaufmannshöfe: Reproduktionstätigkeit als unsichtbare Arbeit
von Tom Benett Wendt und Jacques Morton Grelck
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Vorderhaus „Hafen & Höfe“
Neben dem Handel mit und der Verarbeitung von kolonialen Waren wie Zucker und Rum beruht der wirtschaftliche Erfolg und die Kontinuität der Flensburger Kaufmänner und ihrer Familiendynastien auch auf der unbezahlten Sorge- und Reproduktionsarbeit von (Ehe-)Frauen. Sogenannte nicht-produktive Tätigkeiten haben in diesem Kaufmannshof die Produktionsprozesse und die Produktivität der Rohstoffverarbeitung erst ermöglicht. Dass über die Tätigkeiten der Frauen in den Flensburger Kaufmannshöfen nur sehr wenige Quellen existieren, verdeutlicht, dass diese Arbeit auch in wissenschaftlichen Untersuchungen und historischen Dokumenten und Archiven oft als unwichtig angesehen wurde und damit für die Nachwelt unsichtbar gemacht wird.
Des Vermittlungsprojekt ergänzt am Modell des Flensburger Kaufmannshofs eine Infotafel und eine Audiostation zu unbezahlter Sorge- und Reproduktionsarbeit. Insgesamt sensibilisiert diese ergänzende Objektinformation dafür, dass ökonomische Prozesse immer mit geschlechtlichen Machtverhältnissen verwoben sind. Das ist bis heute noch der Fall, da Frauen weiterhin einen Großteil der unbezahlten (oder schlecht bezahlten) Sorge- und Reproduktionsarbeit leisten.
Reproduktionstätigkeit als unsichtbare Arbeit: Begleitendes Audio zu den Kaufmannshöfen.
Segelschiffe: Kolonialwarentransport im Transatlantikhandel
von Katharina Kay und Nina Thomsen
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Vorderhaus Nebengebäude „Tauwerk & Takelage“
Segelschiffe waren im 19. Jahrhundert das wichtigste Transportmittel, um Kontinente miteinander zu verbinden und globale Ressourcenströme zu ermöglichen. Durch sie wurden wirtschaftliche Interessen, politische Machtstrukturen und kultureller Austausch umgesetzt.
Das Flensburger Schifffahrtsmuseum zeigt einige Schiffsmodelle und -typen, die im globalen Handel von Flensburger Reedern und Kaufleuten eingesetzt wurden. In Folge zunehmender geographischer und politischer Verflechtung des globalen Handels und der intensivierten Kolonisierung mit der Plantagenökonomie und dem transatlantischen Versklavungshandel wurden neue Schiffstypen entwickelt. Koloniale Ressourcenströme wie der von Zucker aus der Karibik, Gewürzen aus Südostasien oder Silber aus Südamerika, aber auch der Raub von Kulturgütern aus den Kolonien waren eng verbunden mit der Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit verschiedener Schiffstypen. Briggs und Schoner beispielsweise wurden für Küstenhandel und kurze transatlantische Routen eingesetzt, Fregatten für den Versklavungshandel zwischen Westafrika und der Karibik.
Das Vermittlungsprojet „Maritime Geschichte“ fasst die Funktionen, Routen und transportierten Waren der verschiedenen Schiffstypen systematisch zusammen. Ergänzende Informationstafeln beschreiben für die Schiffstypen Brigg, Brigantine, Galeasse, Jagt und Dreimaster die Merkmale und Verwendung dieser Schiffe, ihre Routen und ihre übliche Fracht.
Ziegelsteine: Ballast, der bleibt
von Bennet Höfken und Julia Weber
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Ziegelsteine dienten im 18. Jahrhundert den Segelschiffen auf ihrer Fahrt von Flensburg in die Karibik als Ballast. Es gab in dieser Richtung über den Atlantik kaum nachgefragte Waren zu transportieren auf den großen Schiffen, die auf dem Rückweg vollbeladen waren mit Rohrum und Rohrohrzucker, der in Flensburg weiterverarbeitet und gewinnbringend verkauft wurde. Die Ziegelsteine wurden in der Karibik zum Bau von Wegen und Verwaltungsgebäuden verwendet. Der Wohlstand der Flensburger Kaufleute war nur durch die koloniale Ausbeutung der karibischen Inseln möglich. Die Folgen dieser Ausbeutung dauern bis heute an: Global ungleiche Ressourcenströme, die eingeschränkte Souveränität der ehemaligen dänischen Kolonien, die heute – ohne Einkommenstransfer an die Inselbewohner*innen – unter dem Namen Virgin Islands Teil der USA sind und als Urlaubsinsel für reiche Touristen dienen. Die Ziegelsteine, die noch in den Hafenstädten der Inseln sichtbar sind, können als Zeichen betrachtet werden für einen Ballast, der bleibt.
Das Vermittlungsprojekt „Ballast, der bleibt“ regt dazu an, über eine weitere Bedeutung des Wortes „Ballast“ in diesem Kontext nachzudenken: Der Ballast, den die Flensburger Schiffe in der Karibik abluden, war dort mit der Last der Plantagenökonomie, Ausbeutung und Gewalt verbunden. Neben dem Ziegelhaufen in der Ausstellung könnte eine Infotafel ergänzt werden, die auf diesen Zusammenhang hinweist. Körperlich erfahrbar wird eine Form von Last, indem die Besucherinnen und Besucher sich zur Tafel hinabbeugen müssen, um diese lesen zu können. Die Projektarbeit beinhaltet auch eine Neuanordnung der Steine in Form einer Treppe. Außerdem könnte der Ziegelstapel gestuft gestaltet werden. Dies kann auf das Foto im Nebenraum verweisen, das eine Treppe aus Ziegelsteinen auf St. Thomas in der Hafenstadt Charlotte Amalie zeigt, und dazu anzuregen, die Treppe als Symbol für einen Aufstieg bzw. Abstieg zu betrachten – je nach Blickwinkel, von dem aus man sie betrachtet.


Karte des Transatlantikhandels: Unsichtbare Fracht, verdeckte Geschichte
von Maximilian Deiß und Timon Stedeler
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Die Darstellung kolonialer Handelsrouten in historischen Karten bildet wirtschaftliche Austauschbeziehungen ab und suggeriert Fortschritt und Globalisierung, ohne die damit verknüpften Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen. Dass auf diesen Routen über 12 Millionen versklavte Afrikanerinnen und Afrikaner zu Waren gemacht und über den Atlantik verschleppt wurden, bleibt unsichtbar.
Das Vermittlungsprojekt lenkt die Aufmerksamkeit auf diese entmenschlichende und tödliche Gewalt mit einer ergänzten Infotafel, die eine blutige Hand zeigt. Sie verweist auf die Plattform slavevoyages.org, die eine umfassende Datenbank zum Versklavungshandel und zahlreiche weiterführende Materialien bereitstellt. Die Datenbank der Website zeigt beispielsweise, dass über 5 Millionen Menschen alleine aus Westzentralafrika verschleppt wurden. Zu beachten ist dabei, dass die Beschreibung des Versklavungshandels mit bloßen Zahlen Gefahr läuft, selbst reduzierend und entmenschlichend zu wirken. Wie über den Versklavungshandel gesprochen wird, ist zentral. So suggeriert beispielsweise der Begriff „Sklave“, der Zustand der Versklavung sei ein Wesensmerkmal. Diese Zuschreibung entwurzelt die verschleppten Menschen wiederholt aus ihren sozialen und kulturellen Kontexten. Im Rumpf der Transatlantikschiffe wurden versklavte Menschen von europäischen Menschenhändlern endgültig zur Ware gemacht. Um diesen Prozess nicht zu reproduzieren und die Menschlichkeit und Handlungsmacht der Verschleppten zu bewahren, wird hier der Begriff „versklavte Menschen“ verwendet.
Darstellung von Folter: Schubladen der Sklaverei
von Stella-Malin Rackow und Angelique Münch
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Den Zucker, mit dem Flensburger Kaufleute reich wurden, haben auf den drei von Dänemark kolonisierten Inseln St. Croix, St. Thomas und St. John verschleppte und versklavte Afrikanerinnen und Afrikaner angebaut. Während des Transports über den Atlantik und auf den Plantagen erlebten versklavte Menschen extreme Gewalt. Während der zwei- bis dreimonatigen Überfahrt waren versklavte Menschen auf engstem Raum im Rumpf der Schiffe gefangen und der Gewalt der Menschenhändler ausgeliefert. Viele überlebten die Überfahrt nicht. Andere widersetzten sich durch Selbsttötung, Hungerstreik oder Meutereien. Auf den Zuckerrohrplantagen wurden versklavte Menschen durch schlechte Ernährung und mangelnde Hygiene, Überarbeitung, Unfälle oder durch die direkte Gewalt der Aufseher umgebracht. Da viele der zur Arbeit gezwungenen Menschen früh starben und wenige Kinder geboren wurden, war dieses System auf die immer neue Verschleppung von Menschen angewiesen. Auch auf den Plantagen widersetzten sich die Versklavten auf vielfache Weisen. Die Folterinstrumente, die zur Strafe eingesetzt wurden, sind also nicht nur ein Zeichen der Gewalt, sondern auch ein Beleg des alltäglichen Widerstands.
Das Vermittlungsprojekt schlägt einen sensiblen Umgang mit den Darstellungen von Folter an einem Bildungsort wie dem Schifffahrtsmuseum. Das Projekt schlägt eine zusätzliche Barriere zwischen Museumsbesuchenden und der Gewaltdarstellung, die in Schubladen des Ausstellungsmobiliars ausgestellt sind, vor. Die Tafeln, welche die Abbildungen zunächst verdecken sollen, beinhalten außerdem einleitende und kontextualisierende Informationen zur Darstellung darunter. So können die Besucherinnen und Besucher reflektierter entscheiden, ob sie die Bilder betrachten wollen und können das Dargestellte besser einordnen. Insbesondere für jüngere Menschen und für selbst von Rassismus betroffene Menschen ist ein sensibler Umgang wichtig.
Zuckerrohrplantagen: Bestandteil imperialer Lebensweise
von Amina Johanne Sawalies und Lena Radtke
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Die Zuckerrohrplantage ist ein historisches Beispiel dafür, wie der normalisierte Konsum von Rohrzucker in Europa im 18. und 19. Jahrhundert Arbeits- und Naturverhältnisse in den Kolonien geprägt hat. Auf den Plantagen herrschte ein gewaltsames, von starken Hierarchien zwischen Plantagenbesitzern, Aufsehern und versklavten Menschen geprägtes Arbeitsverhältnis, in dem Versklavte permanenter Kontrolle ausgesetzt waren. Zuckerrohrplantagen sind nicht nur Symbol einer bestimmten, historischen Arbeitsorganisation in den Kolonien, sondern auch mit einer alltäglichen Konsumpraktik im Globalen Norden verbunden. Damit sind sie Ausdruck eines globalen Ungleichheitsverhältnisses. Die Plantage als ökonomische Infrastruktur, Arbeitsort und Sozialraum von rassistischer Ausbeutung kann als zentraler Bestandteil einer imperialen Lebensweise betrachtet werden. Dieser von Markus Wissen und Ulrich Brand geprägte Begriff beschreibt ein Ungleichheitsverhältnis, bei dem durch alltägliche Konsummuster im Globalen Norden Natur- und Arbeitsverhältnisse im Globalen Süden geprägt werden. Praktiken, die an den Orten des Konsums fest in den Alltag von Menschen eingeschrieben sind, basieren auf einem übermäßigen Zugriff auf natürliche Ressourcen und Arbeitskraft im Globalen Süden und verursachen dort hohe soziale und ökologische Kosten. Dieser Zusammenhang wird durch die räumliche Trennung von Produktion und Konsum unsichtbar. Dieses Ungleichheitsverhältnis ist so tief verankert in die Lebensweise im Globalen Norden, dass sich Menschen dem kaum entziehen können.
Das Vermittlungsprojekt macht diese Zusammenhänge mit einer Audiostation am Modell einer Zuckerrohrplantage nachvollziehbar. Die Beschreibung der Landschaftsgestaltung, der Architektur und der Anordnung der Gebäude auf der Plantage zeigt die sozialräumliche Konstruktion von rassistischen Hierarchien sehr deutlich.
Begleitendes Audio zu Zuckerrohrplantagen als Bestandteil imperialer Lebensweise.
Transportmittel des Rums: „Fass mich an, hör mir zu!“
von Alexander Wicht und Paul Wolff
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Der Rohrum aus der Karibik wurde in Fässern nach Flensburg transportiert. Flensburg war ein bedeutender Umschlagplatz für Rumfässer. Hier im Hafen wurden sie von Schiffen entladen, in die Zollstation und danach in Lager- und Kaufmannhäuser gebracht, wo ihr Inhalt schließlich zu kostbarem Rum weiterverarbeitet wurde. Das Fass kann als Symbol für diesen globalen Ressourcenstrom betrachtet werden. Dabei ist die Verschiffung von Rohrum aus der Karibik untrennbar mit der Verschleppung von versklavten Menschen aus Afrika in die Karibik verbunden. Diese wurden dort unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit auf Plantagen gezwungen, um exportfähige Ressourcen für den europäischen Markt zu produzieren.
Das Vermittlungsprojekt macht das Fass zum Erzähler und schafft somit einen Perspektivwechsel. Mit einer Audiostation wird der Weg des Rumfasses erfahrbar und die Stationen können nacherlebt werden. Wird die Geschichte aus Sicht eines Gegenstands erzählt, der scheinbar neutral im System kolonialer Ausbeutung war, werden überraschende Gefühle ausgelöst und zugänglich.
Fass mich an, hör mir zu: Begleitendes Audio zum Rumfass.
Transportkette des Rums: Globale Verflechtungen im lokalen Alltag
von Elena Haß und Nike Hansen
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Das Lieferungsfahrrad für Rumflaschen ist ein Beispiel für die Verflechtung von lokalen Alltagspraktiken mit globalen Lieferketten, kolonialen Strukturen und Naturzerstörung. Die Ausstellung von Rumflaschen verweist nicht nur auf lokale Produktion und Konsumpraktiken, sondern lässt auch auf die globale Produktion von Rum schauen. Die Zuckerrohrproduktion auf den Plantagen der Karibikinseln ist verbunden mit der Zerstörung von Ökosystemen durch Monokulturen und Pestizide, mit der Arbeit von versklavten Menschen und den bis heute prekären Arbeitsbedingungen auf Zuckerrohrplantagen und mit ungleich verteilten Gewinnen und Risiken beim Zuckerrohranbau und der Rumproduktion.
Das Vermittlungsprojekt fügt dem ausgestellten Lieferfahrrad im Transportkorb eine leere Rumflasche hinzu, die mit einem besonderen Etikett versehen ist. Es zeigt den vollständigen Produktions- und Vertriebsweg des Rums in sechs aufeinanderfolgenden Etappen. Es wird deutlich, dass Rum als lokales Konsumgut Teil kolonialer Wirtschaftsstrukturen ist und so historische Entwicklungen, globale Machtverhältnisse und wirtschaftliche Abhängigkeiten transportiert. Wer genauer auf das Etikett schaut erkennt auch, dass die verschiedenen Arbeitsschritte von Menschen ausgeführt werden, deren Arbeitsbedingungen unterschiedlich von sozialen und geographischen Ungleichheiten geprägt sind.
Waffen der Gewaltherrschaft: Konfliktbehaftete Relikte
von Nils Clausen und Annika Anderwald
Ausstellungsort im Museum: Dauerausstellung im Hinterhaus „Zucker – Rum – Versklavung“
Konfliktbehaftete Relikte: Begleitendes Audio zur Darstellung der Machete.
Die im Schifffahrtsmuseum ausgestellte Machete ist ein ambivalentes Objekt. Sie ist Symbol kolonialer Unterdrückung und ebenso des Widerstands und der Selbstermächtigung. Waffen haben eine zentrale Rolle gespielt bei der gewaltsamen Kolonisierung der Karibik und bei der Durchsetzung von Zwangsarbeit auf den Plantagen. Ursprünglich ist die Machete ein landwirtschaftliches Werkzeug zur Abtrennung von Zuckerrohr. Doch es ist relevant, wer sie trägt, wann und wofür sie eingesetzt wird. In den Händen der Aufseher auf den Plantagen wurde sie zum Werkzeug der Unterdrückung, das der Disziplinierung versklavter Menschen diente. Immer wieder bemächtigten sich Versklavte jedoch selbst des Werkzeugs – jenseits der überwachten Feldarbeit, um Widerstand gegen die Gewalt der europäischen Plantagenbetreiber zu leisten. Die Machete wird im Schifffahrtsmuseum im Kontext der Plantagenökonomie und der Unterdrückung Schwarzer Menschen gezeigt, ohne die Machete als Waffe des Widerstands zu benennen. Um die Forderung der Nachfahren versklavter Menschen nach reparativer Gerechtigkeit zu verstehen, ist eine kontextualisierte Wissensvermittlung wichtig, die deutlich macht, wer erzählt und wessen Perspektive ausgeblendet wird.
Das Vermittlungsprojekt ergänzt die Darstellung der Machete mit einer Audiostation im Format eines Podcasts. In diesen werden das Konzept der reparativen Gerechtigkeit und des 10-Punkte-Plan der CARICOM zur Wiedergutmachung für die Opfer von Versklavung besprochen. Dieser Plan der Karibischen Gemeinschaft (Caribbean Community) enthält zentrale Maßnahmen wie Entschuldigung, Rückgaben, Bildungsprogramme und kulturelle Rehabilitation.
„Kaufmann mit Weitblick?“ - Das Porträt von Andreas Christiansen im Spannungsfeld von racial capitalism und Kolonialität
von Jarne Rodewald
Die Ausstellung zeigt ein historisches Portraitgemälde von Andreas Christiansens mit der Beschreibung „ein fleißiger Kaufmann mit Weitblick“. Die Bildkontextualisierung ist ein Beispiel epistemischer Gewalt. Dieser Begriff kennzeichnet eine Gewaltform, die durch die Dominanz bestimmter Perspektiven im Hinblick auf Wissen, Sprache und Macht wirksam wird. Die Beschreibung Christiansens verschweigt die kolonialen Gewaltverhältnisse, in denen sein ökonomischer Erfolg begründet lag, und reproduziert damit ein Wissenssystem, das koloniale Ausbeutung nicht nur dethematisiert, sondern sogar normalisiert und aktiv ästhetisch in Szene setzt. Porträts wie das von Christiansen waren Luxusobjekte, die der Inszenierung von sozialem Status und ökonomischer Macht dienten. Dass ein Kaufmann sich auf diese Weise darstellen ließ, verweist auf eine Selbstverortung in einem System, das koloniale Ausbeutung nicht als Gewalt, sondern als unternehmerische Leistung rahmte.
Das Vermittlungsprojekt kommentiert das Gemälde und dessen Informationstext kritisch mit ergänzenden Zitaten, die das Ausstellungsobjekt aus einer Perspektive des racial capitalism beleuchten. Racial capitalism benennt die untrennbare Verwobenheit von Kapitalismus und Rassismus. Rassistische Hierarchien, die im Kolonialismus begründet liegen, werden als ermöglichende Bedingungen für eine kapitalistische Akkumulation verstanden, die bis heute globalisiert Wirtschaftsweisen prägt. Christiansen als Kaufmann im rassistischen Kapitalismus zu betrachten, lässt seinen „Erfolg“ in ein System eingebettet verstehen, das auf der Versklavung Schwarzer Menschen beruht.






